Schokofair: So war’s in Berlin

Hier nun endlich unser Bericht vom erneuten Besuch im Bundestag am 14.12.2016. Sorry, er wird recht lang, aber es ist auch viel zu berichten.

Also nehmt Euch ein wenig Zeit, ok? Uns ging es weiter um Gerechtigkeit für die vielen hunderttausend Kinder in den Kakaoanbaugebieten. Wir wollen, dass die missbräuchliche Kinderarbeit und der Kindersklavenhandel in Westafrika endlich gestoppt wird. Dass wir für andere Kinder im Bundestag aktiv waren, machte uns sehr stark.Wir nervten die Politiker nach Kräften. Wir wollen nicht, dass für unsere Schokolade Kinder schuften müssen. Leider nahmen uns die Politiker nicht wirklich ernst, hörten uns nicht wirklich zu und handelten auch nicht wirklich für den Schutz der Kinderrechte!

Auf den ersten Blick, war alles im Bundestag wie letztes Mal am 8.10.2014. Ja, man sprach freundlich mit uns.
Aber schon bei der Personenkontrolle im Eingang ging es zur Sache. Im Gegensatz zu 2014 wurden uns Flyer, Schokofair-Schild und -Banner und sogar unser Kakaosack direkt am Eingang abgenommen. Das wäre eine „politische Äußerung“ und wäre verboten. Erst nach Protest wurden uns unsere Sachen zur abendlichen Beiratssitzung von Bundestagsbeauftragten Dr. Borowy zurückgegeben.

WIE DER BUNDESTAG ÖFFENTLICH ZU NICHTÖFFENTLICH MACHT …

War letztes Mal ein Fernsehteam von KiKA TV mit uns dabei, so war dieses Mal überhaupt kein Pressevertreter dabei. Letztes Mal konnten wir selbst Aufnahmen mit Ton, Bild und Video machen. Dieses Mal wurde dies untersagt. Ein Filmteam von Janine Steeger wollte unseren Bundestagsbesuch filmen. Das Team sagte entnervt ab, denn wie kann man filmen ohne filmen zu dürfen?? Das sogenannte öffentliche Fachgepräch sei so zu einem nicht öffentlichen geworden. Tja…

Ein kleiner Erfolg war, dass uns wenigstens ganz am Schluss des Tages ein kurzes Interview mit Andreas Jung erlaubt wurde. Dieses Mini-Interview zeigen wir euch natürlich im Anhang. Es ist die einzige Medien-Doku, die wir bieten können. Leider können wir Euch nur Fotos außerhalb des Bundestags zeigen. Letztes Mal hatten wir viel Prominenz im Gespräch (Bundesminister Dr. Gerd Müller, Staatsekretär Thomas Silberhorn), dieses Mal nicht. Einziger Prominenter war Andreas Jung, Vorsitzender des Bundestagsbeirats. Er stellte sich uns zur Diskussion.
Wenn ihr diesen Bericht zu Ende gelesen habt, bekommt ihr eine Idee, warum keine Filmbeweise zugelassen wurden.

VOM SCHOKOFAIR BESUCH IM BUNDESTAG NICHT BERICHTEN

Wir glauben, dass der erneute Besuch von Schokofair möglichst von der Öffentlichkeit unbemerkt bleiben sollte. Wenn man den offiziellen Bericht des Bundestags vom 14.12.16 liest, fällt auf, dass Schokofair nicht mit einem einzigen Wort erwähnt wird. Die vielen Beiträge der Schokofairs werden einfach nicht berichtet, auf keine der vielen vorgebrachten Argumente wurde eingegangen. Immerhin wurde unsere Schule erwähnt und ganze sechs Zeilen war dem Bundestag diesmal unser Anliegen wert, man sei auch gegen Kinderarbeit, aber man warte auf internationale Lösungen.
Wer unsere Postings bisher gelesen hat, weiß, dass es diesmal um eine „Hausaufgabenkontrolle“ ging, die uns Andreas Jung vor zwei Jahren versprochen hatte. Vor zwei Jahren berichtete der Bundestag noch ausführlich über unseren Besuch: „Schokofair-Kinder fordern einen Schoko_TÜV“  Wir mussten dieses Mail richtig darum kämpfen, dass es überhaupt zu einer Wiedereinladung kam.

Wir wollten nun wissen, KOMMT ER ODER KOMMT ER NICHT, der SCHOKO-TÜV?

Um es kurz zu machen, der Schoko-TÜV kommt nicht.
Es wären viele Gespräche mit Politikern geführt worden, selbst in der Bundesregierung würde über das Thema Lieferketten gesprochen. Wie wir später aus Gesprächen erfuhren, wurde nicht im Bundestagsbeirat über den Schoko-TÜV abgestimmt. Man zeigte uns noch nicht einmal ein Protokoll oder irgendeine Abstimmung zu diesem Thema. (Wenn es doch welche gibt, dann kann dies der Bundestag ja nachholen!)

WIE MAN NICHT WIRKLICH ZUHÖRT UND NICHT HANDELT…

Auf folgende Argumente und Hinweise wurde nicht eingegangen:
Miko berichtete, warum wir zusätzlich zum fairen Handel auch einen Schoko-TÜV als Gesetz fordern. Nach unseren Recherchen hat die Kinderarbeit in der Elfenbeinküste sogar wieder zugenommen ( Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/elfenbeinkueste-schokolade-ist-unfair/12728146.html oder im Spiegel: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/schokolade-kinderarbeit-auf-kakaoplantagen-nimmt-zu-a-1046525.html).
Miko erklärte den Politikern, dass dies nicht zu den Erfolgszahlen von mittlerweile 39 % nachhaltig zertifizierten Schokowaren in den Supermärkten passe. Kein Politiker sagte etwas zu diesem Widerspruch.
Maxi erläuterte im Vorgespräch mit Andreas Jung, dass große Firmen Compliance Abteilungen haben, die dafür sorgen müssen, dass Gesetze eingehalten werden, dass zum Beispiel keine Geldwäsche und Terroristenfinanzierung in den Lieferketten oder Geschäftspartnern der Firmen passiert. Die Politik brauche nur ein Gesetz wie den Schoko-TÜV machen (Lieferketten müssen bekannt sein, die deutsche Firma, die im Ausland bei Kinderrechtsverletzungen erwischt wird, muss bestraft werden). Die Compliance Abteilungen müssten dann bei den Lieferketten oder Subunternehmen auch nach der Einhaltung der Kinderrechte schauen. Weder Herr Jung noch irgendein anderer Politiker ging darauf ein.
Kasimir und Miko erläuterten in der Präsentation ausführlich den Schoko-TÜV. Was war die Antwort?
Natürlich seien alle gegen Kinderarbeit. Man brauche aber internationale Regelungen. Das war alles!
Wir wissen aber von Friedel Hütz-Adams (stellvertretender Vorsitzender des FORUM NACHHALTIGER KAKAO) viel mehr. So mailte er uns vorab am 7.12.16 folgende Infos:

2011 verlangte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen (UN) von den einzelnen Regierungen Leitlinien für Unternehmen und Menschenrechte. Oder genauer: „Die Vereinten Nationen verlangen von Regierungen, Menschen vor Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Wo sie dies nicht tun, müssen Unternehmen dennoch beachten, dass sie nicht von Menschrechtsverletzungen in ihren Wertschöpfungsketten profitieren: Mit dem Begriff „Achtung” wird ausdrücklich auf die Verantwortung von Unternehmen für direkte und indirekte Auswirkungen ihres Handelns auf die Einhaltung der Menschenrechte verwiesen. Der Begriff „Rechtsmittel” umfasst die Forderung, Opfern von Menschenrechtsverletzungen den Zugang zu Rechtsmitteln und Wiedergutmachung zu erleichtern.“
Da es aber bei uns kein Gesetz gibt, kann niemand klagen geschweige denn Wiedergutmachung bekommen. Wir wissen sogar noch mehr. Es gibt seit diesem Jahr einen nationalen Aktionsplan „Wirtschaft und Menschenrechte“. Die Bundesregierung will wohl bei Firmen die Info über Lieferketten anmahnen, aber Bußgelder oder Klagen gegen Unternehmen werden bisher abgelehnt.
Interessant war, dass die Antworten der Politiker zu diesem Thema – wie auswendig gelernt – immer wiederholt wurden. Immer wieder die gleichen Formulierungen. Wir sind auch gegen Kinderarbeit, aber … …! Keiner der Politiker ging konkret auf die notwendige Bestrafung von Firmen ein, die die Kinderrechte verletzen. Keiner sagte etwas zu den Compliance Abteilungen, keiner etwas zu den steigenden Zahlen der Kinderarbeit.
Auch auf unsere „2 Cent mehr auf jede Tafel Schokolade“ Idee ging man nur insoweit ein, dass sie nicht funktioniere. Man wisse nicht, wo das Geld dann bleibt. Das war es.
Wir sind ja mit der „2 Cent“ Idee mithilfe des FORUM NACHHALTIGER KAKAO sogar auf internationale Kakaokonferenzen (ICCO) gekommen. Es soll ein „Nachhaltigkeitsfonds“ aufgestellt werden, der das viele Geld verwaltet. Leider wird auch da immer nur weiter diskutiert.
Miko erklärte den Politikern mehrfach, dass man bei den Bauern den Gelderhalt davon abhängig machen kann, dass sie das Geld erst bekommen, wenn sie ihre Kinder in die Schule gehen lassen. Das könne man durch den Schulbesuch überprüfen. Auch könne das Geld des Nachhaltigkeitsfonds für Kontrollen verwendet werden.
Darauf ging in keiner der Politiker ein.
Jeanine von unserer Kooperationsschule, dem Riehl-Berufskolleg, sagte, dass eine internationale Regelung bedeute, dass man noch viele viele viele Jahre auf eine gesetzliche Regelung zum Schutz der Kinderrechte warten müsse. Auch darauf ging niemand ein. Auch auf die Frage, warum der Bundestag nicht per Gesetz dafür sorgt, dass alle staatlichen Ämter nur noch nachhaltig fair einkaufen dürfen, wich Herr Jung aus (siehe Interview am Schluss).

GIBT ES ETWAS POSITIVES ZU BERICHTEN?
Ja, das gibt es.

1.) Immerhin entschuldigte sich Andreas Jung in einem extra Vorgespräch nach mehrfachem Nachfragen auch unserer Schulleitung für die späte Wiedereinladung in den Bundestag (über ein Jahr später) und dass der Bundestag erst auf ein Schreiben der Schulleitung reagierte und unsere Schülerbriefe ignorierte. Jung versprach uns, Flyer von Schokofair als Wiedergutmachung an seine Bundestagskollegen zu verteilen. Wir gaben ihm dafür mehrere hundert Flyer von uns „wink“-Emoticon! Interessant war, dass selbst für dieses Vorgespräch mit Herrn Jung kaum Zeit war, weil ein Teil unserer Gruppe erst viel später in den Bundestag eingelassen wurde. So berichtet Miko, dass man diesem Teil unserer Gruppe von uns sagte, sie müsse noch draußen warten und erst die anderen Gruppen vorlassen. Tja…das kann nun „Zufall“ sein oder eben nicht.

2.) Der Bundestagsabgeordnete aus Düsseldorf, Thomas Jarzombek, versprach uns zu helfen. Er will uns mit der Ratsfraktion bekannt machen. Auch hatte er uns vorher eine Führung im Plenarsaal ermöglicht, die Besichtigung der Glaskuppel des Bundestags und mittags sogar einen Imbiss für über 30 von uns spendiert. Herr Jung sagte uns, dass uns Herr Jarzombek, bei Wiederwahl 2017, auch eine erneute Einladung zu Gesprächen im Bundestag ermöglichen könne.
Zusätzlich wurde Miko in die Hand von Herrn Jung versprochen, dass auch er die Schokofairs, bei einer Wiederwahl 2017, in den Bundestag einladen wolle.
3.) Ein weiteres Plus war das Gespräch mit Frau Viktoria Jeske im Bundestag einen Tag später am 15.12.16.
Viktoria stellte uns das Schulpartnerschaftsprogramm von ENSA vor und machte uns Mut, dass es vielleicht 2018 (!) mit einer Anbahnungsreise zu unserer gewünschten Partnerschule in der Elfenbeinküste klappen könnte.

4.) Wir fanden es auch super, dass wir nicht allein im Bundestag für den fairen Handel sprechen mussten. Es gibt ja bereits über 300 Fairtrade-Schulen im Land.
Vier dieser Fairtrade Schulen berichteten von ihren Aktionen: faire Produkte in den Schulen anbieten, faire Rosen an Lehrer verteilen und der Wunsch für mehr Anerkennung fairer Schulaktionen. Eine Schule forderte auch bessere Gesetze gegen den illegalen Holzhandel.
Interessant ist dabei nur, dass kaum Zeit war, richtig in die Diskussion einzusteigen. Jede Gruppe hatte gerade einmal 10 Minuten zum Sprechen. Viele Schüler äußerten danach den Verdacht, dass dies den Politikern ermöglichte, einer wirklichen Diskussion zu entgehen und sich mit ein paar allgemeinen Sätzen rauszureden. Yankuam Gatter aus Ecuador vom Gymnasium Grafing konnte zum Beispiel aus Zeitgründen seinen persönlichen Antrag noch nicht einmal vortragen. Unser Begleitlehrer B. Kowol sagte dazu nur:
Honi soit qui mal y pense (beschämt sei, wer schlecht darüber denkt) …

5.) Wir sind übrigens sehr happy, dass immer mehr andere Schulen bei Schokofair mitmachen, so begleitete uns auch eine kleine Delegation der IGS Melle aus Niedersachsen im Bundestag.

6.) Und noch ein weiteres Plus: Wir haben jedenfalls viel Spaß gehabt, die Politiker zu nerven. Ganz viele von uns Schülerinnen und Schüler diskutierten mutig mit den Politikern. Blöd nur, dass sie auf fast keine unserer Fragen konkret eingegangen sind. Aber das kann sich ja noch ändern, denn wir haben beschlossen dran zu bleiben. Unsere nächsten Nerv-Aktionen für Kinderrechte werden wir im FORUM NACHHALTIGER KAKAO machen. Da sind wir nämlich ab 1.1.2017 Mitglied „smile“-Emoticon

Hier nun endlich unser oben angekündigtes Mini-Videointerview mit Andreas Jung:
https://www.youtube.com/watch?v=SfQx1DZkdeg